Der Bodensee ist Grenzgewässer dreier Staaten, und genau daraus zieht das Revier seinen Wert für Motorradfahrer: Auf engem Raum stoßen deutsches Voralpenland, österreichisches Vorarlberg und das schweizerische Appenzellerland aneinander, jedes mit eigenem Asphalt, eigener Topografie und eigener Passkultur. Die Ufer sind Kulisse und Transferstrecke, gefahren wird im Hinterland, wo Vulkankegel, Höhenzüge und die ersten Alpenketten die Kurven liefern. Wer den See nur umrundet, hat das Beste verpasst.
Das Dreiländereck: der eigentliche Grund herzukommen
Im Umkreis einer Tagestour lassen sich hier drei Länder mit drei Straßencharakteren abfahren. Nördlich liegen der deutsche Linzgau und der Hegau mit sanften Höhen und Vulkankegeln, östlich beginnt in Bregenz das österreichische Vorarlberg mit seinen ernsten Bergstraßen, südlich steigt jenseits des Rheins das schweizerische Appenzellerland mit engen, technischen Kurven an. Die Grenzen sind offen (Schengen), aber Fahrbahnführung, Verkehrsdichte und Bergprofil wechseln beim Grenzübertritt merklich. Diese Dichte an Gegensätzen ist der Kern des Reviers: kurze Wege, großer Kontrast.
Die Uferstraße: Kulisse mit eingebautem Vollgas-Verbot
Die Ringstraße rund um den See, auf der deutschen Nordseite überwiegend die B31, ist von April bis Oktober die staureichste Strecke der Region. Reisebusse, Wohnmobile, Radfahrer und ein Tempolimit-Teppich aus Ortsdurchfahrten mit 50 und 30 machen sie zur Geduldsprobe, nicht zum Fahrspaß. Ehrlicher Rat: Die Uferstraße taugt als Transfer, als Weg zur nächsten Fähre oder für die Nebensaison, wenn der Andrang abklingt. Das eigentliche Fahren beginnt, sobald man vom Wasser weg ins Hinterland abbiegt, wo Verkehr, Ampeln und Tempolimits schlagartig nachlassen.
Hegau: Vulkankegel über der Ebene
Zwischen Singen und dem westlichen Untersee ragen die steilen Reste erloschener Vulkane aus der flachen Landschaft: Hohentwiel, Hohenkrähen, Mägdeberg und Hohenstoffeln. Die harten Gesteinskegel blieben stehen, während die weichere Umgebung abgetragen wurde, weshalb sie heute als markante Landmarken schon von weitem den Kurs vorgeben. Auf dem Hohentwiel liegt eine der größten Festungsruinen Deutschlands. Die Straßen kurven zwischen den Kegeln durch offenes Ackerland mit weiten Sichtachsen und wenig Verkehr, ideal für flottes Reisetempo. Als Basis eignet sich Engen oder Singen, von hier ist auch der Rand des südlichen Schwarzwalds schnell erreicht.
Linzgau und Sipplinger Höhe: Balkon über dem Obersee
Nördlich von Überlingen steigt der Linzgau an, ein hügeliges Bauernland mit kurvigen Verbindungsstraßen und deutlich weniger Betrieb als am Ufer. Über die Sipplinger Höhe öffnet sich der Blick über den gesamten Obersee bis zur Alpenkette am Horizont, an klaren Tagen bis zu Säntis und Vorarlberger Bergen. Der Reiz liegt im Wechsel aus kurzen Anstiegen, Kuppen und Panoramapunkten, die man von der lauten Uferlinie aus gar nicht vermutet. Wer hier oben bleibt, fährt entspannter und sieht mehr als jeder, der sich unten durch die Ortsdurchfahrten quält.
Die Höri: stiller Zipfel am Untersee
Zwischen Radolfzell und der Schweizer Grenze schiebt sich die Höri in den Untersee, eine flache Halbinsel mit ruhigen Dörfern wie Gaienhofen, Wangen und Öhningen. Die Straßen sind eben und wenig befahren, mehr Genuss- als Kurvenrevier, dafür fast tourismusfrei abseits der Hauptsaison. Am westlichen Zipfel verlässt der Rhein den See bei Stein am Rhein, das bereits auf Schweizer Seite liegt, ein logischer Wendepunkt für eine langsame Untersee-Runde mit Grenzübertritt.
Pfänder und Bregenzerwald: Vorarlbergs Auftakt
Über Bregenz erhebt sich der Pfänder, dessen Höhenstraße den klassischen Rundblick über den ganzen See zur deutschen und Schweizer Uferseite bietet, samt Einblick in das Rheindelta. Dahinter öffnet sich der Bregenzerwald, eine grüne, welligen Hochlandschaft mit gepflegtem Asphalt und geringem Durchgangsverkehr. Von hier führen die ersten echten Bergstrecken weiter: der Hochtannbergpass Richtung Warth und Lech sowie das Furkajoch und das anschließende Faschinajoch ins Große Walsertal. Wer vom Bodensee aus schnell ins alpine Passfahren will, findet im Vorarlberg den kürzesten Anschluss, hier beginnt das ernsthafte Höhenprofil.
Appenzellerland und Säntis: Kurven im Käseland
Auf der Schweizer Seite führen die Straßen aus dem Rheintal hinauf ins Appenzellerland, ein kleinteiliges, stark gefaltetes Hügelland mit dichter Kurvenfolge durch Weiden und Streusiedlungen. Über den Übertritt fällt sofort das flüssigere, engere Straßenbild gegenüber der deutschen Seite auf. Über allem thront das Alpstein-Massiv mit dem Säntis; die Straße zur Schwägalp endet an dessen Fuß an der Schwebebahn und ist eine lohnende Stichfahrt. Der kleine Passübergang am Stoss zwischen Altstätten und Appenzell rundet das technische, verkehrsarme Revier ab, hier zählt saubere Linie mehr als Leistung.
Rheinfall bei Schaffhausen: Wasser als Wendepunkt
Westlich des Sees, bei Schaffhausen und Neuhausen, stürzt der Rhein über einen der wasserreichsten Wasserfälle Europas. Als Ziel einer Untersee- oder Höri-Runde ist der Rheinfall ein dankbarer Wendepunkt, erreichbar entlang des Schweizer Rheinufers oder ab Stein am Rhein. Der Grenzhüpfer lohnt sich, weil er die flache Seelandschaft mit einem starken Natureindruck kontert, ohne große Umwege zu erzwingen.
Fähren: Abkürzung und Programmpunkt zugleich
Zwei Autofähren sparen den langen Weg ums Wasser und sind selbst ein Erlebnis. Die Fähre Konstanz–Meersburg quert den Überlinger See häufig und verbindet West- und Nordufer, die Standardabkürzung, um sich die zähe Durchfahrt durch Konstanz zu sparen. Die Fähre Friedrichshafen–Romanshorn überquert in größeren Abständen den offenen Obersee direkt zur Schweizer Thurgauer Seite, ideal, um eine seeübergreifende Rundtour zu bauen, ohne zweimal dieselbe Uferstraße zu fahren. Motorräder verladen wie Pkw; Fahrpläne und Preise vor der Tour prüfen, da sie saisonal wechseln.
Reichenau und Mainau: zwei Inseln, zwei Charaktere
Die Insel Reichenau im Untersee ist über einen von Bäumen gesäumten Damm mit dem Motorrad erreichbar, UNESCO-Welterbe wegen ihrer drei romanischen Kirchen und zugleich Gemüseinsel mit flachen, stillen Sträßchen. Die Insel Mainau bei Konstanz, die Blumeninsel, wird dagegen nur zu Fuß über eine Brücke betreten; hier heißt es Maschine parken und laufen. Beide sind Stopps, keine Fahrstrecken, aber sie geben einer Seerunde einen kulturellen und landschaftlichen Ankerpunkt.
Anschluss Allgäu und Schwarzwald: raus aus dem Kessel
Der Bodensee taugt als Drehscheibe für größere Touren. Nach Osten führt der Weg über Lindau ins Allgäu mit seinen Voralpenkämmen und den Anstiegen Richtung Oberstdorf. Nach Nordwesten öffnet sich über den Hegau und das Wutachtal der Südschwarzwald mit seinen Höhenstraßen und langen, schnellen Kurvenzügen. Wer mehrere Tage bleibt, nutzt den See als Standquartier und fährt sternförmig hinaus: einen Tag Vorarlberg, einen Tag Appenzell, einen Tag Schwarzwald, dazwischen die ruhigen Runden im Hinterland.
Grenzformalitäten: Vignette nicht vergessen
Im Dreiländereck wechselt man leicht mehrmals täglich die Grenze. Personenkontrollen entfallen im Regelfall, ein Ausweis gehört trotzdem ins Gepäck, und in der Schweiz gilt der Franken statt Euro. Entscheidend für die Tourenplanung ist die Vignettenpflicht: Die Schweiz verlangt für Autobahnen und Autostraßen eine Jahresvignette, eine Kurzzeitvariante gibt es nicht; Österreich bietet Kurzzeit-Vignetten, die auch für Motorräder erhältlich sind. Viele der reizvollen Hinterland- und Passstrecken sind mautfreie Landstraßen, ein Grenzhüpfer über Nebenstraßen kommt also oft ohne Vignette aus. Sobald jedoch eine Schweizer Autostraße oder eine österreichische Autobahn oder Schnellstraße berührt wird, muss der Aufkleber kleben, sonst droht eine empfindliche Strafe.